Ist der Fachkräftemangel nur ein Märchen?

Heinz Pfleiderer*, Chef eines kleinen innovativen, trotzdem weithin unbekannten, Metallbauunternehmens in Baden-Württemberg sucht händeringend CNC-Fachkräfte. Doch der Markt erscheint leergefegt. Er ist nicht länger in der Lage ist seine vollen Auftragsbücher termingerecht und vernünftig abzuarbeiten. Dabei investiert er in Ausbildung, qualifiziert an- und ungelernte Kräfte. Seinen Beschäftigten bietet er flexible Beschäftigungsmodelle und weitere Vorteile an. Es scheint nicht zu reichen. Er beklagt den Fachkräftemangel in seiner Branche.

Wann besteht Fachkräftemangel?

An Fachkräften mangelt es, wenn weniger spezifisch qualifizierte Arbeitskräfte dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen als benötigt werden. Dadurch entsteht eine zahlenmäßig höhere Nachfrage, als durch die Anzahl der angebotenen Fachkräfte gedeckt werden kann. Bereits heute sind 2/3 aller Stellen schwer zu besetzen. Doch es gibt regionale Unterschiede.

Großstädte ziehen Fachkräfte an

Vor allem junge Menschen zieht es in die deutschen Metropolen: Hamburg, Berlin und München. Hier sind Stellen verhältnismäßig einfacher zu besetzen als auf dem Land. Das führt zum Beispiel dazu, dass es in der Zwischenzeit in Brandenburg einen Fachkräftemangel gibt. Das war vor einigen Jahren noch undenkbar. Berlin saugt das Brandenburger Umland regelrecht leer. Gleichzeitig gibt es auch regionale Unterschiede. Baden-Württemberg belegt bereits seit 2011 den 1. Platz des vom Fachkräftemangel am meisten gebeutelten Bundeslandes in Deutschland, so eine Studie des Instituts der Wirtschaft in Köln.

Kleine Unternehmen leiden besonders

Kleine unbekannte Unternehmen haben es meist besonders schwer Fachkräfte zu bekommen. Neben den regionalen Unterschieden ziehen auch Namen, Größe und Bekanntheit. Zumindest in der Regel. Es gibt Unternehmen, die haben sich mit ihrem „Attraktivitätsbündel“ einen Namen gemacht, wie die Firmen Obeck, Wegra, Harrys Feintechnik oder VACOM. Dienstfahrrad-Konzept, Trips nach New York, Flexibilität in der Arbeitszeitgestaltung, Kita-Gebührenübernahme, in Zusammenarbeit mit der Kommune: Wohnungs- und flexible Kinderbetreuungsangebote und vor allem: eine gute, familiäre Arbeitsatmosphäre und Verlässlichkeit und Loyalität. Das ist attraktiv. Das zieht Fachkräfte an. So zieht es Fachkräfte zurück aus den westlichen Bundesländern nach Thüringen, wie es der Artikel „Thüringer Tricks“ von Spiegel Online zeigt.

Gründe für den Mangel an Fachkräften

Der demographische Wandel, der sich vor allem in den östlichen Bundesländern auswirkt, der sich auch in den westlichen Bundesländern erheblich zeigen wird. Vor allem, wenn die Generation Babyboomer in den kommenden Jahren reihenweise in den Ruhestand tritt. Ein weiterer Grund ist der erwähnte Drang junger Menschen in die Großstadt zu ziehen. Die Unternehmensbekanntheit spielt eine entscheidende Rolle. Zuletzt geht es aber vor allem um Angebot und Nachfrage, insbesondere qualifizierter Fachkräfte. Diese ist sektoral (branchenbezogen) sowie regional immer weniger passend, weil auch insgesamt knapper werdend.

Der Fachkräftemangel also kein Märchen?

Ich würde die Frage mit Ja und Nein beantworten. Der Fachkräftemangel ist ein Märchen, weil manche Unternehmen beweisen, dass sie (trotz ungünstiger Branche und Region) nicht an Angeboten von Fachkräften leiden.

Der Fachkräftemangel ist kein Märchen, weil das Angebot an Menschen, die Erwerbseinkommen beziehen wollen und dürfen sinkt. Dafür ist der demographische Wandel, aber auch die politische Rahmensetzung (Rente mit 63 als ein Beispiel), verantwortlich.

Welche Strategie kann Heinz Pfleiderer* nun verfolgen, um genügend Fachkräfte für sein Unternehmen zu gewinnen? Er kann weiter an seiner Arbeitgeberattraktivität arbeiten, seine Mitarbeiter und ihre Bedürfnisse mit einbeziehen und weiter neue Wege der Arbeitskräftebeschaffung gehen, damit am Ende auch seine Firma als Arbeitgeberleuchtturm sagen kann: „Ich bekomme die Fachkräfte, die ich benötige.“

*Name geändert

David Hirsch

arbeitet bundesweit als Unternehmensberater in den Bereichen Strategie, Organisation, Personal und Management. Jahrgang 1973, verheiratet, 3 Kinder, lebt in Jena