Was mich an Wirtschafts- und Sozialpolitik fasziniert

Mein Studium der Verwaltungsbetriebswirtschaft liegt 20 Jahre zurück. Deshalb verblassen die konkreten Erinnerungen an diese vier Jahre. An einen ergänzend angebotenen Praxisworkshop werde ich mich Zeit meines Lebens erinnern: an das Planspiel Volkswirtschaft.

Planspiel: Volkswirtschaft

Grafisch nicht sehr ansprechend für uns Studierende, aber nachvollziehbar, stellte eine Software eine Menge volkswirtschaftlicher Zahlen dar. In kleinen Teams hatten wir über mehrere Wochen die Aufgabe, politische Entscheidungen auf deren volkswirtschaftliche Auswirkung hin zu diskutieren: beispielsweise Steuersenkungen, Erhöhung der Krankenkassen Beitragssätze, Investitionsförderungen (Subventionen). Am Ende fiel eine politische Entscheidung – proaktiv oder reaktiv – und wir haben die Software damit gefüttert.

Wir waren überrascht, welche volkswirtschaftlichen Auswirkungen (meist zusätzlich zu denen, die wir diskutiert hatten) diese Entscheidungen hatten. Ups! Da hat sich die Arbeitslosigkeit plötzlich um 0,5% erhöht und damit die Aufwendungen der Arbeitslosenversicherung um einen stattlichen Betrag. Das kam in unserer Diskussion nicht vor. So kamen wir zu überraschenden Erkenntnissen. Ein, für mich, sehr lehrreicher Studienabschnitt.

Wirtschafts- und Sozialpolitik: Gegensatz oder Symbiose?

In der öffentlichen Wahrnehmung werden die beiden Politikfelder „Wirtschaft“ und „Soziales“ häufig gegensätzlich diskutiert. Die Wirtschaft, die das Geld verdient, Steuern zahlt, Menschen Beschäftigung und Einkommen gibt und nach Freiheiten und schlankem Staat verlangt. Der Sozialsektor, der das verdiente Geld ausgibt, der vermeintliche Wohltaten verteilt und dessen Wachstumsbegehrlichkeit fast unersättlich scheint.

Wir konnten diese Diskussion in Zusammenhang mit den jüngst stattgefundenen Verhandlungen über die Neuauflage einer großen Koalition erleben. Noch bevor es zu Verhandlungen kam, haben Wirtschaftsverbände und Wirtschaftsweise vor zu hohen Ausgaben gewarnt. Sie haben konstatiert, dass eine große Koalition die teuerste aller Koalitionsvariantensei. Am Ende fühlten sie sich dann genau bestätigt. Doch stimmt dieser Gegensatz und woher kommt er?

Zwei Seiten der Medaille

Der gefühlte Gegensatz resultiert wohl aus den häufig gegensätzlichen Interessen. Die Unternehmer wollen das Maximum ihres verdienten Geldes für sich (oder ihre Stakholder) behalten. Sie stehen für den Teil Wirtschaftspolitik. Die Lobby der Bedürftigen, der Teil Sozialpolitik, wollen für ihre Klientel das Maximum herausholen. Beides Verständlich doch Beides bis zum Ende ausgereizt falsch. Warum?

Ich empfinde die beiden Politikfelder als zwei Seiten einer Medaille. Mehr und mehr habe ich aber den Eindruck, dass als Kompromissformel einfach eine zweite Medaille daneben gelegt wird. Damit verlieren die beiden Felder Wirtschafts- und Sozialpolitik aber ihren Zwang zur Ausgewogenheit. Denn so wenig beide Seiten einer Medaille unterschiedlich groß sein können, so stark wird am Ende darüber gefeilscht, wer im Ringen um Kompromisse die Größere der beiden Medaillen für sich rausholen konnte.

Deshalb braucht unsere Gesellschaft wieder die Rückkehr zur „ein-Medaillen-Formel“. Die mit dem Ziel, die beiden Politikfelder Wirtschafts- und Sozialpolitik zu einer „Politik aus einem Guss“ und damit zu einer Ausgewogenheitzusammen zu führen.

Die „Ein-Medaillen-Formel“

Meine Leidenschaften sind auf der einen Seite schlanke, wirtschaftlich erfolgreiche, effizient arbeitende und auf die Kundenmaximierung ausgerichtete Unternehmens-/Organisationsstrukturen. Man könnte sie auch als den „Teil Wirtschaftspolitik“ in mir bezeichnen. Auf der anderen Seite sind es Menschen, vielleicht der „Teil Sozialpolitik“. Die Leidenschaft für Menschen schlägt sich in der Investition in die richtige Personalauswahl, in Personalentwicklung sowie in wirksame und wertschätzende Führung nieder.

Ich bin dankbar dafür mit beiden Leidenschaften, damit in gewisser Weise mit beiden Seiten einer Medaille, Unternehmen und Organisationen beraten und begleiten zu dürfen. Der Frieden zwischen Belegschaft, Führung, Management und Stakeholder ist wirksam nur in einem gemeinsamen Aushandlungsprozess und damit als Ausgewogenheit der beidseitigen Medaille gestalbar. Deshalb ist es auch richtig, dass es in unserer Gesellschaft eine Tarifautonomie gibt. Genau so wie dies für den Betriebsfrieden gilt, trifft dies „im Großen“ auch für unsere Gesellschaft zu.

Deshalb ist mir auch mein Engagement in Wirtschafts- und Sozialpolitik wichtig: in Unternehmensverbänden sowie im sozialen Bereich. Bevorzugt auf kommunaler Ebene. Dabei merke ich, dass ich eigentlich nie derjenige bin, der pointiert für die Sichtweise des einen (wirtschaftlich oder sozial orientierten) Lobbyverbandes steht. Vielmehr bin ich der, der argumentativ und hinter den Kulissen um Ausgleich sowie um Verständigung bemüht ist. Damit geht es letztlich um die Gestaltung beider Seiten der einen Medaille von Wirtschafts- und Sozialpolitik.

Ausgewogenheit der Volkswirtschaft

Neben dem inhaltlichen Ausgleich der beiden Politikfelder Wirtschafts- und Sozialpolitik gibt es für mich noch eine Dimension, der je länger desto weniger Beachtung geschenkt wird: rein betriebswirtschaftlich betrachtet, ist es fahrlässig einen momentanen Überschuss über „Ewigkeitslasten“ zu verteilen. Denn diese entstehen am wenigsten heute, und verteilen den Überschuss von heute damit auch am wenigsten.

Vielmehr ist das Politik auf Kosten künftiger Haushalte. Hier nenne ich beispielhaft die Rentenentscheidungen der vergangenen Legislatur. Generationengerechtes Wirtschaften sieht für mich anders aus. Politische Entscheidungen müssen meiner Meinung nach der zeitlichen Dimension mehr Beachtung schenken. Auch das gehört zur Gestaltung der beiden Seiten der einen Medaille.

Als leidenschaftlicher Betriebswirt mit einer Leidenschaft für Menschen und einer Faszination an gesellschaftlich-volkswirtschaftlichen Entwicklungen ist mir meine Umgebung nicht egal. Deshalb hat auch das „Planspiel Volkswirtschaft“ dazu beigetragen, dass ich mich für eine ausgewogene Gestaltung der einen Medaille von Wirtschafts- und Sozialpolitik auch aktiv einsetze. Beruflich und durch mein ehrenamtlich-politisches Engagement. Das bin ich unserer Gesellschaft und letztlich auch unseren drei Töchtern schuldig.

David Hirsch

arbeitet bundesweit als Unternehmensberater in den Bereichen Strategie, Organisation, Personal und Management. Jahrgang 1973, verheiratet, 3 Kinder, lebt in Jena